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Von der Manege zum Abi PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 10. Juli 2011 um 20:28 Uhr,  Geschrieben von: Andrea Maurer   
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Wenn die 18-jährige Lavinia in der Luft die waghalsigsten Kunststücke vorführt, denkt sie an die anstehenden Abiturprüfungen. Sie führt ein Leben zwischen Schule und Zirkus – zwischen Luftakrobatik und Stochastik. Andrea Maurer hat sie einen Tag lang begleitet.

Das rotorangene Licht sammelt sich gleichmäßig am blauen Sternenhimmel des nach oben spitz zulaufenden Zirkuszelts. In acht Metern Höhe wickelt Lavinia gekonnt das Seil um ihr rechtes Bein, streckt das andere Bein und ihre Arme von sich weg. Was viele ihrer Zuschauer nicht einmal am Boden schaffen würden, das führt Lavinia in der Luft am Seil vor. Sie klettert höher, steckt einen Fuß in die Schlaufe am oberen Ende und zieht sie fest. Noch eine kleine Drehung und Körper, Hände und Bein bilden eine Horizontale. Im nächsten Moment lässt sie sich fallen. Lavinia hängt jetzt kopfüber am Seil. Sicherung gibt es keine. Sie wechselt die Position, greift mit der linken dann mit der rechten Hand am Seil entlang, die Füße haben keinen Kontakt mehr zum Seil. Lavinias Schwester steht am Boden und dreht das Seil. Schneller, schneller, schneller. Lavinia schraubt durch die Luft.

laviniaAuf den ersten Blick sieht Lavinia nicht aus wie eine Zirkusartistin, die in der Luft am Seil turnt. Sie ist zwar recht klein, etwa 1,60 Meter, aber nicht zierlich. Sie hat ein rundes, volles Gesicht. Lavinia zeigt sich offen und gelassen, obwohl es in ihrem Leben derzeit besonders hektisch zugeht. Denn die 18-jährige ist nicht nur Artistin im Zirkus Rio ihrer Eltern, sondern auch Schülerin der 12.Klasse einer Fachoberschule in München. Es sind nur noch wenige Monate bis zu den Abschlussprüfungen in Mathematik, Englisch, Deutsch und Pädagogik.

Der Zirkus Rio hat seine Lager derzeit im südwestlich von München gelegenen Gilching aufgeschlagen – eine ländlich geprägte Stadt. Plötzlich Hektik: Es sind Pferde von einem nahe gelegenen Bauernhof ausgebrochen. Lavinia und andere Zirkusleute haben die Vierbeiner kurzerhand im großen Tierhänger des Zirkus untergebracht - damit sie nicht auf die Straße laufen und überfahren werden, bis sich der Besitzer meldet und die Tiere abholt. So ist es 14:40 Uhr als Lavinia eilig ins Zirkuszelt huscht. Viel zu spät. Die Vorstellung beginnt in 20 Minuten. Sie muss noch den Arialring fertig machen. Per Knopfdruck fährt der nach unten. Sie zieht ein weißes Tuch aus der Plastiktasche, die mit am Seil befestigt ist. Wickelt das Tuch um den Arialring. Entfernt die Plastiktüte. Lässt den Ring wieder nach oben fahren. Währenddessen kommen die ersten Gäste ins Zelt. Sie wollen Popcorn und Getränke. „Lavinia, du bist am Wochenende für den Imbiss zuständig.“ ruft ihre Mutter Renate forsch. Im Zirkus muss alles schnell gehen. Die Sprache passt sich an.

„Du musst mir dann noch Bio erklären.“ fordert Lavinia eine Freundin auf, die gerade beim Zirkus Rio auf Besuch ist. Mit dem Fachabitur will sich Lavinia die Möglichkeit offen halten zu studieren, um später auch außerhalb des Zirkus gute Berufschancen zu haben. Was genau sie später machen möchte, weiß sie noch nicht. Vielleicht mit Kindern arbeiten – wie bei der Zirkusfreizeit, an der der Zirkus mehrmals im Jahr teilnimmt: Kinder und Jugendliche schnuppern Zirkusluft und führen am Ende eigene Nummern vor, die von Jongliage bis Akrobatik reichen. Lavinia und andere Trainer darunter auch ihre 25-jährige Schwester Joana und ihr 17-jähriger Bruder Marcel helfen den Schülern beim Einstudieren der Auftritte und zeigen wichtige Kniffe und Tricks, sodass bei der abschließenden Vorstellung vor Elternpublikum auch alles klappt

Kurz nach fünf endet die Vorstellung. Für 1,50 Euro dürfen die kleinen Zirkusgäste in der Manege Pony reiten. Lavinia führt einen Schecken am langen Strick und hält gleichzeitig einen Rappen am Halfter, den ihr erst zweijähriger Neffe führt. Während für viele ihrer Altersgenossen das Wochenende Zeit für Hobbies, Freunde,  Entspannen und auch Lernen auf wichtige Schulaufgaben und Kurzarbeiten bedeutet, packt Lavinia im Zirkus Rio mit an – ein reiner Familienbetrieb, in dem jeder vom Tiere versorgen, über Werbeplakate ausfahren bis hin zu den Auftritten in der Manage alles macht.

Nach einigen Runden geht es für die Ponys zurück ins Stallzelt. „Jetzt komm!“ ruft Lavinia ihrem Neffen laut und bestimmt zu, als sich dieser auf dem Weg aus dem Stallzelt von den Cowboy-Hüten, Lassos und Schuhen ablenken lässt, die als Requisiten auf einem Biertisch am Artisteneingang liegen. Im Stallzelt - fernab vom Zirkuszelt sind sieben kugelrunde Shetland-Ponys, ein Kaltblutpferd, ein Schecken-Pony, vier Lamas und fünf Hunde untergebracht. Am imposantesten aber sehen die schwarzen Friesen aus – Pferde mit Hufen so groß wie Frühstücksteller, starken Beinen, einem korpulenten, muskelstarken Torso und gewellter Mähne. Mächtige, elegante Tiere.

Nach absatteln, striegeln und Füttern der Ponies, verschwindet Lavinia kurz in ihrem Wohnwagen – zum Umziehen. Eine Metallstufe führt in Lavinias mobiles Zimmer. Den Wagen teilt sie sich derzeit mit der 20-jährigen Jessi. Die gelernte Kosmetikerin kennt die Zirkusfamilie schon seit dem Grundschulalter und entschied sich vor zwei Monaten dazu mit dem Familienzirkus durch Bayern zu reisen. Normalerweise hat jeder sein eigenes Reich, aber Lavinia lebt unter der Woche ohnehin nicht beim Zirkus Rio, sondern in München. Zeit zum Lernen oder Freizeitaktivitäten wie mit Freunden feiern hat Lavinia am Wochenende nur wenig. Ihr Snowboard, mit dem Sie im Winter, wenn das Zirkusleben etwas ruhiger ist die Pisten unsicher macht, liegt auf der schmalen Eckbank am einen Ende ihres Wohnwagens. In der Mitte steht ein Schreibtisch – ein Chaos aus Dosen und Tuben mit Glitter, Lidschatten und sonstigen Schmink-Utensilien finden sich auf dem braunen Holztisch. Ihre Alltagskleidung verstauen die beiden Mädchen in den Schränken unter der Decke des Wohnwagens.

Durch den unaufhörlichen Regen hat sich in den zahlreichen Löchern und Senken des Festplatzes Pfützen. Lavinia spurtet von ihrem Wohnwagen aus Richtung Küche und springt auf das gut einen halben Meter hohe Metallgitter, das Küchenwagen und Bad miteinander verbindet. Sie trägt Chuks – Halbschuhe mit einer dünnen Plastiksohle und Leinen als Außenmaterial. Schon nach wenigen Metern sind die komplett durchnässt. „Jetzt brauch ich erstmal andere Socken.“ Nachdem sie nasse gegen trockene Socken und Chuks gegen Gummistiefel eingetauscht hat, holt sie aus dem Küchenwagen einen Topf mit heißem Spülmittelwasser und stapft vorsichtig ins Zirkuszelt – zum Imbisswagen. Eine Woche gastierte der Zirkus Rio in Gilching, am nächsten Tag geht es weiter Richtung Starnberg. Sie muss noch die Popcornmaschine, die Arbeitsfläche und die Verkaufsvitrine im Wagen reinigen, bevor die Familie morgen das Zelt abbaut. Für Lavinias kleinsten Bruder Leon, der ist 6 Jahre bedeutet der meist wöchentliche Platzwechsel eine andere Schule, andere Klassenkameraden und Lehrer. Bis zur achten Klasse Hauptschule lief das bei Lavinia genauso. Vor zwei Jahren schaffte sie den Sprung auf die Fachoberschule – wenn alles gut geht hat sie noch diesem Sommer das Fachabitur in der Tasche. Jeden Sonntag verlässt sie ihre Eltern, Geschwister und den Zirkus Rio und fährt in zurück nach München – zur Fachoberschule. Von montags bis freitags lebt sie in einem Wohnheim: Neben Lernen, Hausaufgaben und Schularbeiten steht Kochen, Waschen, Bügeln und Putzen auf dem Tagesplan – Lavinia muss ihren Haushalt selbst organisieren.

Nächsten Freitag dann verwandelt sich die Schülerin Lavinina wieder in die Artistin Lavinia: Hoch oben unter dem Dach des Zirkuszelts, im rotorangenen Licht und mit einem Bein in der Schlaufe des Seils. Schrauben in der Luft drehend.

Text:Andrea Maurer
Fotos: Circus Rio, manege.media

Ortsangaben beziehen sich auf den Zeitpunkt der Recherche zu diesem Artkel. aktuell spielt der Zirkus in der Nähe von Augsburg - in Mering.

 

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